Quelle: https://www.huffingtonpost.de/entry/delfinhaltung-ist-das-artgerecht_de_5acb6ca2e4b04ec4b549c1b6

Oft stellt sich die Frage, ob Delfinhaltung artgerecht wäre - dabei ist diese Begrifflichkeit aus der modernen, sachlichen und wissenschaftsbasierten Diskussion weitestgehend verschwunden. Gerade die moderne Tierhaltung hat schon längst belegt, dass “artgerecht” keine Maxime ist, nach der es sinnvoll ist zu handeln und da sind Delfine ein erstklassiges Beispiel.

Warum artgerecht?

Legt man es wortwörtlich aus, und das werden auch die meisten Menschen tun, so bedeutet “artgerechte Haltung”, dass die Haltung der Art gerecht werden will. Die Idee dahinter ist: Man schaut sich die Art in der Wildbahn an und leitet dann daraus ab, was für eine Art gerecht ist und richtet die Haltung an den abgeleiteten Bedürfnissen aus. Das klingt erstmal einfach, aber die reale Welt ist ja tatsächlich viel komplizierter.

 

Die Art Orcinus orca hat, nach aktuellem Kenntnisstand, rund zehn Ökotypen und Formen. Man unterscheidet hierbei auch komplett unterschiedliche Lebensweisen: so gibt es residente Schwertwale, die in Küstennähe standorttreu leben. Man kennt die Orcas, die offshore leben und somit in einem komplett anderen Lebensraum als die küstennah lebenden Tiere. Dann gibt es noch transiente Orcas, die weite Strecken zurücklegen, weil sie umherwandern - also ein komplett anderer Lebensentwurf als die Residents.

Große Tümmler findet man sehr häufig in Delfinarien - auch hier finden wir diese komplett unterschiedlichen Lebensweisen. Die “Küstentümmler”, wie man gerne die inshore lebenden Residents nennt, leben in Gewässern geringer Tiefe und bleiben absolut standorttreu. Aber auch innerhalb dieser Art finden wir ganz andere Lebenskonzepte.

Diese unterschiedlichen Ökotypen und Formen nun auf die Art zu verallgemeinern, macht schlicht keinen Sinn und bringt die Haltung nicht voran. Es bringt schließlich nichts auf einen residenten Delfin die Maßstäbe für einen transienten zu legen und umgekehrt. Mit artgerechter Haltung kommt man also nicht weiter, weil Arten doch facettenreicher sind als man es noch gedacht hat, als der Begriff “artgerecht” entstand.

Wem will man denn gerecht werden?

Viele Jahre der Erfahrung in der Haltung von wilden Tieren hat uns gelehrt, dass die einzelnen Tiere in Menschenobhut, obgleich sie zur selben Art gehören, ganz spezielle Eigenarten haben. Da hilft es nicht, eine Schablone auf alle Tiere der selben Art anzuwenden, obgleich natürlich Beobachtungen aus der Wildbahn wichtige Hinweise liefern können.

Dazu kommt, dass es für manche Gelegenheiten gar keine Wildbeobachtungen gibt, um zu evaluieren, was denn artgemäß sein soll. “In der Wildbahn findet Feldforschung [bei Schwertwalen] nicht früher als sechs Monate nach der Kalbesaison statt, was bedeutet, dass, wenn man ein Kalb zuerst sieht, es bereits sechs Monate alt ist”, erklärte Dr. Kelly Jaakkola , eine der weltweit führenden Experten im Bereich der Wahrnehmung von Delfinen.

In Zoos ist man zudem damit konfrontiert, dass Tiere meist älter werden als in der Wildbahn. Altersschwache Tiere können im harten Überlebenskampf der Natur nicht überleben, weil sie verhungern oder von stärkeren Tieren getötet werden. Auch hier gibt es also kaum bis gar keine Daten aus der Wildbahn.

Somit bringt es nichts, der Art gerecht werden zu wollen, sondern man will dem Tier gerecht werden. Heute spricht man deshalb eher von tiergerechter Haltung.Wer Tiere in einer modernen Haltung versorgt, schaut sich die Bedürfnisse der einzelnen Tiere, die man zu versorgen hat und handelt entsprechend, damit es diesem Tier gut geht und es optimal gehalten wird.

Besonders gut zu sehen ist das, wenn man in der Haltung mit einem behinderten Tier konfrontiert ist - wenn etwa Körperteile fehlen, Blindheit oder Taubheit besteht. Auch hier ist es wichtig, dem Tier gerecht zu werden; in der Wildbahn gäbe es da meist keine Überlebenschance und entsprechend auch keine Daten. Ähnlich verhält es sich bei, aus welchen Gründen auch immer, stark auf den Menschen geprägten Tieren, um die man sich auch anders kümmern muss als um die wilderen Artgenossen.

Wohlergehen als Prämisse

Pointiert gesagt: Man hält keine Art, sondern bestimmte Tiere aus einer Art. Entsprechend muss man sich auf die Bedürfnisse dieser bestimmten Tiere einstellen und überwachen, ob man sie erfüllt. Das Wohlergehen von Tiere lässt sich messen - man kann wissenschaftlich feststellen, ob es den Tieren gut geht. Oft ist das ein Multifaktorensystem aus verschiedenen Daten, die man sich zusammen anschaut und dann zu einem abschließenden Ergebnis kommt.

Für Delfine, ob nun Große Tümmler, Orcas oder Mitglieder anderer Arten, in modernen, akkreditierten Haltungen kommen unabhängige, renommierte Experten regelmäßig zum Schluss, dass es den Tiere gut geht - die bedeutendsten Wissenschaftler unterstützen deshalb die Haltung. Bei keinem Delfin in einem modernen, wissenschaftlich geführten Delfinarium, das entsprechend akkreditiert ist, konnte bisher Leid festgestellt werden.

Akkreditierungen helfen

Zweifelsohne gibt es Einrichtungen, die sich Zoo, Aquarium oder Delfinarium nennen, die diesen Namen eigentlich nicht verdient hätten, aber dann eben auch nicht entsprechend akkreditiert sind. Es ist deshalb sinnvoll anhand entsprechender Akkreditierungen oder Zertifikaten festzustellen, ob die Haltung, die man besuchen will, modern ist und das Wohlergehen der Tiere als Prämisse hat.

Einmal gibt es dafür die verschiedenen Zoo-Organisationen: im deutschprachigen Bereich ist das der VdZ, in Europa die EAZA und weltweit die WAZA. Hierbei handelt es sich um seriöse Organisationen mit Vorgaben, die hohe, auf der aktuellen Wissenschaft basierte, Vorgaben haben, die das Wohlergehen der Tiere als Prämisse setzen. Ständig werden diese Vorgaben von Experten evaluiert und, wenn nötig, angeglichen.

In Europa gibt es zudem noch die European Association for Aquatic Mammals (EAAM). Sie haben sich ganz auf im Wasser lebende Säugetiere spezialisiert und auch sie haben Vorgaben, die das Wohlergehen der Tiere entsprechend garantieren.

Die weltweit wohl bedeutendste, dritt-parteiliche Akkreditierung für Zoos und Aquarien, ist das Zertifikationsprogramm Humane Conservation™ von American Humane. Es ist zeitgleich auch das neuste und man überprüft gerade zahlreiche Zoos und Aquarien, auch solche mit Meeressäugern natürlich. Nach und nach werden die Ergebnisse verkündet, weil man dabei sehr gründlich vorgeht und sich die nötige Zeit nimmt.

All diese Akkreditierungen und Zertifizierungen machen es auch für den Laien möglich, festzustellen, ob die jeweilige Haltung den Tieren in ihrer Obhut gerecht wird - und das ist schließlich das Wichtigste: dass es den Tieren gut geht. In modernen, akkreditierten Einrichtungen kann man sich dem sicher sein.