<h3>Wolfgang Rades erklärt im Interview mit dem Wochenblatt, wie wichtig Zoos als Botschafter für wilde Tiere sind</h3>

Der Loro Parque in Puerto de la Cruz erwartet in den nächsten Wochen Familienzuwachs. Drei junge Löwen werden in ein für sie entworfenes und gebautes Gehege einziehen und als Botschafter ihrer Art die Parkbesucher auf ihre Notlage in der Natur aufmerksam machen. Wolfgang Rades, seit Dezember 2015 zoologischer Direktor des berühmten Tierparks auf Teneriffa, hat dem Wochenblatt im Interview Einzelheiten und Hintergründe dieses Projektes verraten.

Wochenblatt: Herr Rades, vor Ihrer neuen Aufgabe im Loro Parque waren Sie Chef des Tierparks Herborn. Wie hat es Sie aus Hessen auf die Insel verschlagen? Wie kamen Sie in Kontakt mit Familie Kiessling?

Wolfgang Rades: Ich bin engagierter Naturschützer und begeisterter Tiergärtner. Ein senegalesischer Ökologe hat bereits 1968 einen Satz geprägt, der heute der Leitsatz des modernen Zoos in Deutschland ist, und der kurzgefasst lautet: „Wer Tiere kennt, wird Tiere schützen!“ Dies hat meine positive Beziehung zu zoologischen Gärten ebenso beeinflusst wie das Wirken des berühmten langjährigen Frankfurter Zoodirektors Professor Bernhard Grzimek und seine naturkundlichen Filme. Im Biologiestudium spezialisierte ich mich auf Tiergartenbiologie und Tierökologie. Sowohl beruflich als auch ehrenamtlich bin ich seit Jahrzehnten gleichermaßen im Zoobereich wie auch im Natur-, Arten- und Tierschutz engagiert. Unter anderem war ich fast ein Jahrzehnt lang als Artenschutzreferent beim Naturschutzbund Deutschland NABU, dem größten deutschen Naturschutzverband, und als Leiter des NABU-Artenschutzzentrums Leiferde, einer großen Wildtierauffangstation in Niedersachsen, angestellt. Aufgrund dieses Engagements kam ich im November 2013 im Rahmen eines Informationsbesuchs erstmals in den Loro Parque, und zwar zur Beurteilung der Orcahaltung, der ich zunächst sehr kritisch gegenüberstand. Denn ich konnte mir damals nicht vorstellen, dass es möglich ist, solch ein großes Meeressäugetier artgerecht in einem Delfinarium zu halten. Hintergrund war, dass wir über den Orca Morgan, der im niederländischen Wattenmeer hilflos aufgefunden worden war, und der in der Natur nicht überlebensfähig wäre, gesprochen hatten, um die Rechtmäßigkeit seiner Haltung im Loro Parque zu überprüfen. Wie ich inzwischen weiß, hat Morgan glücklicherweise auf Anfrage der Niederlande im Loro Parque eine neue Heimat gefunden, und konnte hier bestens in die Orcagruppe integriert werden. Dieser Informationsbesuch öffnete mir die Augen für die im Loro Parque gegebene große Qualität der absolut tiergerechten Orcahaltung.

So kam der Kontakt zur Familie Kiessling zustande, die mich durch ihr vorbildliches Engagement für den Tierschutz wie auch den Natur- und Artenschutz stark beeindruckt hat.

Wochenblatt: Hatten Sie denn schon zuvor vom Loro Parque auf Teneriffa gehört bzw. die Insel besucht?

Wolfgang Rades: Natürlich hatte ich auch schon zuvor vom Loro Parque gerade wegen seiner qualitativ insgesamt sehr guten Tierhaltung und wegen seines vorbildlichen internationalen Naturschutzengagements mit seiner Naturschutzstiftung gehört. Ich kannte den laut TripAdvisor besten Zoo Europas jedoch ebenso wie die sehr schöne Insel Teneriffa bis zu meinem ersten Besuch 2013 nicht persönlich. Als dann 2015 Matthias Reinschmidt als vorheriger zoologischer Direktor nach 15 Jahren Teneriffa als Direktor des Zoos Karlsruhe zurück in seine badische Heimat ging, entschied ich mich, mich zum Ende des Jahres 2015 der Herausforderung eines der weltweit attraktivsten und im Naturschutz engagiertesten modernen Zoos zu stellen.

Wochenblatt: Im Herborner Tierpark begegnen Besuchern vor allem gefiederte Arten. Da liegt die Verbindung zum Loro Parque nahe. Doch die Bereiche Fische und Meeressäuger stellen Sie auf Teneriffa sicherlich vor neue Herausforderungen.

Wolfgang Rades: Für Wale und Delfine trifft dies zu, mit Robben und terrestrischen Säugetieren (vom Tiger bis zum Elefanten) ebenso wie mit Reptilien, Amphibien und Fischen hatte ich jedoch auch zuvor in anderen Tierparks (Heidelberg, Solingen, Bochum und Herborn) und teils auch im NABU-Artenschutzzentrum Leiferde gearbeitet.

Wochenblatt: Gibt es eine lustige Anekdote oder (Tier-)Begegnung aus Ihrer ersten Zeit im Loro Parque?

Wolfgang Rades: Ich möchte hier gar nicht mal so sehr etwas Lustiges hervorheben, als vielmehr die enorme Faszination, die die großartige und besonders vertrauensvolle Mensch- Tier-Beziehung zwischen den Trainern und den mit ihnen bestens harmonierenden Meeressäugetieren, besonders den Delfinen und Orcas, mit sich bringt. Hier geschieht in Training und Shows selbstverständlich nichts durch irgendwelche Zwänge (was nach heutigen Erkenntnissen auch gar nicht ginge!), sondern die Tiere machen spielerisch und vollkommen freiwillig auf der Basis positiver Verstärkung mit!

Wochenblatt: Nun wirft im Loro Parque wieder einmal ein großes Ereignis seine Schatten voraus: Vor einigen Wochen überraschte die Nachricht, dass bald der König des Tierreichs im Loro Parque einziehen wird. Wann ist es so weit, und warum hat sich der Loro Parque ausgerechnet für Löwen entschieden?

Wolfgang Rades: Der Löwe gilt als der König der Tiere. Aber selbst dieser majestätischen Tierart geht es, wie auch anderen Großtieren, weltweit und jetzt zunehmend auch im bislang noch relativ dünn besiedelten Afrika, bedingt durch menschliche Bevölkerungszunahme und die Übernutzung der natürlichen Lebensräume, in der Natur beängstigend schlecht! In Afrika leben heute nur noch weniger als 25.000 Löwen, nachdem es vor fünfzig Jahren noch etwa 100.000 waren. Neben dem Lebensraumverlust spielt gerade beim Löwen als Fleischfresser die Konkurrenzsituation zum Menschen eine Rolle, denn aufgrund des zunehmenden Mangels an natürlichen Beutetieren verschärfen sich die Mensch-Tier-Konflikte. Zunehmend müssen die Löwen in Rinderherden einbrechen, wenn sie nicht verhungern wollen. In der Folge werden die Tiere oftmals illegal abgeschossen oder vergiftet! Über solche Zusammenhänge zu informieren, hat sich Loro Parque zum Ziel gesetzt, denn zweifellos ist dies eine der wichtigsten Aufgaben des modernen Zoos als Botschafter für wilde Tiere!

Selbstverständlich engagiert sich Loro Parque im Rahmen seiner Naturschutzprojekte gemeinsam mit verschiedenen Partnern, darunter auch mit Reiseunternehmen, wie der Nachhaltigkeitsinitiative Futoruis in Deutschland, für die Schaffung von Grundlagen für ein nachhaltiges naturtouristisches Angebot. Und natürlich kommt dem Löwen als einer Flaggschiffart, einem Vertreter der berühmten afrikanischen „Big Five“, im KAZA-Transfrontier Schutzgebiet, das im Rahmen internationaler Zusammenarbeit fünf südafrikanische Staaten umfasst, eine ganz besonders große Bedeutung zu.

Wochenblatt: Die Löwen, die im Loro Parque einziehen werden, gehören zur Unterart des Angola-Löwen. Welche Besonderheiten kennzeichnen diese Unterart?

Wolfgang Rades: Zunächst ist der südwestafrikanische Angola-Löwe die für das KAZA-Projekt typische Unterart, von der es nach den vorliegenden Erkenntnissen leider nur noch etwa 400 Tiere gibt. Dass diese Unterart mit einer goldgelben bis hellbraunen Grundfärbung und einer zumeist prächtigen blonden Mähne des Männchens zudem sehr attraktiv ist, ist natürlich ein positiver Nebeneffekt, der die Stellung der Tiere im Loro Parque als Botschafter für die in der Natur lebenden Artgenossen untermauern dürfte.

Wochenblatt: Woher kommen die Löwen und weshalb dieser Umzug?

Wolfgang Rades: Das Männchen kam im Zoo Lissabon, der bei der Haltung und Zucht des Angola-Löwen eine große Tradition hat, im August 2015 zur Welt. Die beiden Löwenmädchen wurden im Juli 2016 im auf Wildkatzenhaltung spezialisierten französischen Parc des Felins geboren. Der Austausch von Tieren und die Kooperation in internationalen Zuchtgemeinschaften ist wesentlicher Bestandteil der modernen Tiergartenbiologie. Und natürlich hoffen wir auf die Gründung einer harmonischen Löwenfamilie, die den Bestand des Angola-Löwen in menschlicher Obhut als genetische Reserve für die bedrohte Population der Unterart in der Natur sichern hilft.

Wochenblatt: Inwieweit ist das Gehege dem natürlichen Habitat seine Bewohner ähnlich?

Wolfgang Rades: Die etwa 1.000 qm umfassende Löwenanlage wird mit ihrer großen Naturnähe mit Savannenpflanzen und Felslandschaften dem Habitat des Angola-Löwen in der KAZA-Region mit trockenen Buschsavannen in Wassernähe sehr nahekommen. Malerisch eingerahmt wird das Ganze zudem mit den für die Kanarischen Inseln typischen Drachenbäumen, die den Löwen im Sommer willkommenen Schatten spenden werden.

Wochenblatt: Wie engagiert sich Loro Parque für den Schutz des Angola-Löwen in Afrika?

Wolfgang Rades: In Zusammenarbeit mit namhaften Naturschutzorganisationen und dem Projekt WildCRU der Universität Oxford werden die Aktionsräume der Löwen in der KAZA Region mithilfe von Fotofallen und der Besenderung einzelner Löwen mit Satelliten-Halsbändern erforscht. Die resultierenden Erkenntnisse sollen dem besseren Schutz der Löwen (und anderer Wildtiere) zugutekommen, auch, indem sie zur Vermeidung von Mensch-Tier-Konflikten beitragen. Bislang hat die Loro Parque Fundación hierfür 125.000 Dollar zur Verfügung gestellt.

Wochenblatt: Wie denken Sie, schafft es ein Zoo, den Artenschutz-Gedanken an seine Besucher weiterzugeben?

Wolfgang Rades: Loro Parque liegt auf einer beliebten Urlaubsinsel, und wir müssen hier besonders beachten, dass die meisten Menschen den Park nicht als außerschulischen Lernort (der er natürlich ist) wahrnehmen und nutzen wollen, sondern dass sie sich vielmehr hier in ihrer Freizeit entspannen und erholen möchten. Deswegen setzen wir zunächst darauf, dass wir unseren Besuchern durch die unmittelbare Begegnung mit dem lebenden Tier die Faszination und Schönheit der Natur und der Tierwelt vermitteln, und sie dabei im Rahmen eines sogenannten „Edutainments“, also einer geschickten Mischung von Unterhaltung und Bildungsarbeit, eher unmerklich für die Tierwelt interessieren und über sie informieren. Dass zudem im vergangenen Jahr fast 129.000 unserer Gäste an einer Discovery-Tour mit weiteren Hintergrundinformationen über die Tiere teilgenommen haben, ist eine schöne Bestätigung dieses Konzepts.

Wochenblatt: Bei Facebook gibt es zur bevorstehenden Eröffnung des Löwengeheges die verschiedensten Meinungen. Viele Kommentare loben die Bemühungen des Loro Parque um eine artgerechte Haltung, aber es gibt auch Gegner. So fordert zum Beispiel ein Kritiker die Schaffung eines „virtuellen Zoos mit Hologrammen der Tiere“, ein anderer fragt sich, warum die Löwen nicht in Afrika ausgewildert werden. Was sagen Sie dazu?

Wolfgang Rades: Zunächst einmal möchte ich betonen, dass die Tierhaltung im Loro Parque natürlich im Einklang mit den neuesten tiergarten- und verhaltensbiologischen Erkenntnissen absolut tiergerecht erfolgt. Die ablehnenden Kommentare in den sogenannten sozialen Medien sprechen hingegen nicht für die Sachkenntnisse der Kommentatoren. Es ist schon eine verrückte Zeit: Es gibt Menschen, die lesen irgendwelche emotional verklärten und völlig realitätsfremden Posts bei Facebook etc. und meinen dann, mehr von den Tieren zu verstehen als die Wissenschaftler, Tierärzte und Tierpfleger, die sich seit etlichen Jahren intensiv mit den Tieren befassen. Diese Stimmung wird geschickt von den Funktionären radikaler Tierrechtsorganisationen wie PETA oder der Born Free Foundation, oftmals unter gezielter Verbreitung von Lügen, geschürt, um an die Spendengelder gutgläubiger Tierfreunde zu gelangen. Zumeist kommen diese Spenden jedoch nicht dem Natur- und Tierschutz zugute, sondern dienen zum überwiegenden Teil der Eigengefälligkeit radikaler Tierrechtsfunktionäre!

Hingegen unterstützt Loro Parque die Naturschutzarbeit der Loro Parque Fundación mit 10% der Eintrittsgelder. Diese konnte schon mehr als 17 Millionen Dollar in mehr als 130 Schutzprojekte in über 30 Ländern zum Schutz seltener Arten investieren, und dadurch beispielsweise wesentlich dazu beitragen, dass sich die Bestandszahlen von zumindest acht hochgradig von der Ausrottung bedrohten Papageienarten in der Natur erfreulich erhöht haben.

Doch zurück zur Rolle des modernen Zoos in unserer von Verstädterung und der daraus resultierenden Naturentfremdung. Vonseiten der Tierrechtsaktivisten heißt es oft, wir bräuchten keine Zoos mehr, denn es gäbe heute ein großes Angebot gut gemachter Naturdokumentationen und andere virtuelle Angebote. Dabei übersehen sie, dass die große Mehrheit der naturentfremdeten Bevölkerung gar keine Motivation hat, sich Naturdokus über Orcas und ihre Gefährdung durch Umweltgifte, Plastikmüll und überfischte Meere, oder über die Gefährdung der Menschenaffen durch die Abholzung der Regenwälder und die Anlage von Palmölplantagen, oder eben auch über die Gefährdung des Königs der Tiere anzusehen. Ähnlich wie ein Video nicht das unmittelbare Erlebnis eines Konzertbesuchs ersetzen kann, ist die unmittelbare Begegnung mit dem lebenden Tier durch nichts zu ersetzen! Dass diese hauptsächlich im Zoo erfolgen sollte, liegt auf der Hand. Denn natürlich können die weltweit mehr als 700 Millionen Jahresbesucher zoologischer Gärten nicht auf Safari in die letztverbliebenen Lebensräume der bedrohten Tierwelt geschickt werden. Nicht wenige Zoobesucher werden aber nach der faszinierenden Begegnung mit dem lebenden Tier sehr viel eher aufnahmebereit für Informationen über Tierwelt und Natur sein, und folglich für die Notwendigkeit des Naturschutzes und eines Tierschutzes mit Augenmaß sensibilisiert sein. Von diesen Zoobesuchern sind jedenfalls nicht solche wirklichkeitsfremden Vorschläge wie die nach einer Auswilderung der zoogeborenen Löwen zu erwarten. Denn wir informieren ja im Loro Parque darüber, dass es in der Natur dem König der Tiere zunehmend an den Kragen geht, wenn wir nicht, mithilfe der modernen Zoos als Botschafter für wilde Tiere, in Kooperation mit seriösen Naturschutzverbänden, dagegensteuern.

Hierzu möchte ich abschließend meinen Hochschullehrer, Professor Gunther Nogge, den ehemaligen Direktor des Kölner Zoos, zitieren, der einmal gesagt hat: „Gäbe es noch keine Zoos, so wäre es an der Zeit, sie zu erfinden!“ – Denn: „Wer Tiere kennt, wird Tiere schützen!“

Quelle: http://www.wochenblatt.es/kanarische-inseln/in-der-natur-geht-es-dem-koenig-der-tiere-zunehmend-an-den-kragen/